autumn
in Berlin
von Tias und Mimi

mimi: Was ist ein Gartenhaus? Könntest du mir es beschreiben?
tias: Nimm ein Stück Land, vielleicht 100x200m, pflanze ein paar Bäume, Rasen, baue einen Teich mit Wasser drin und ein kleines Haus obendrauf. Das Haus hat ungefähr die Ausmasze eines durchschnittlichen Zimmers in einer Berliner Mietwohnung, möglichst mit Holz umrandeter Raum. Ganz wichtig ist der immer frisch gestrichene Zaun um den Garten herum und wer es ganz genau wissen will und in Sachen Fäulnis was auf sich hält, der legt sich natürlich einen Komposthaufen zu. Damit man, alt und gebrechlich, seine Enkel zwei mal pro Jahr mit dem Umsetzen desselbigen beschenken kann. Ansonsten ist ein Gartenhaus meistens Arbeit, besonders wenn man im arbeitsfähigen Alter ist, d.h. so etwa bis 10 darf man dort spielen oder sich vor dem hinfahren drücken, um ohne Eltern zu Hause abzuhängen, und später will man mit seinen Kumpels dort abhängen um (ihr wisst ja warum). So ca. ab dieser Zeit wird man dann auch schon zu Arbeiten herangezogen, so in etwa wie wenn du auf dem freien Arbeitsmarkt zur Verfügung bist, dann musst du im Gartenhaus auch ran. Ich glaube irgendwann im Laufe deines Lebens macht es dir sogar Spass.

mimi: Ist ein Gartenhaus ein Spiegel der Welt oder ein Entkommen vor Welt? Und wie?
tias: Ich glaube ein Gartenhaus ist kein Spiegel der Welt, vielleicht ein zusätzliches kleines Universum das man um seinen Kopf herum bauen kann. Deswegen kann man vielleicht vom Zustand des Hauses und vom Garten auf deren Besitzer und Pfleger schliessen. Also ist ein Gartenhaus eher ein Spiegel seines Bewohners, also ein winzig kleiner Spiegel der Welt. Ich glaube es gibt kein Entkommen vor der Welt, es sei denn du entziehst dich ihr durch Verweigerung von Leben, aber mit einem Gartenhaus wirst du der Welt nicht entkommen. Im Gegenteil, in so einem Gartenhaus stepppt der Bär!!!


mimi: was ist deine eindrucksvollste Erfahrung in einem Gartenhaus?
tias: Viele schöne Stunden, als ich das Universum observierte und sich mir einige aussergewöhnliche Objekte offenbarten, oder die Nächte im Zelt mit den Kollegen, oder die gemütlichen Abende zu viert im kleinen Gartenhaus. Das eindrucksvollste aber war glaube ich eine Nacht, als meine Eltern bei Freunden feierten und ich alleine im Gartenhaus zurückblieb. Dummerweise lief im Fernseher Poltergeist und ich bekam solche Schiss im Angesicht meines jungen Lebens, das ich nachts die Strecke zu den Freunden meiner Eltern fuhr. Unvergessen ist auch meine Ameisenrettungsaktion. Meine Eltern waren auf dem Chemotrip und dachten sie täten sich, ihren genetisch unterlegenen Brüdern und ihrem Garten etwas gutes, wenn sie alles mit Unkrautvernichtungsmitteln und weiss ich was für Pestiziden zudonnern. Dieses Schicksal wurde auch einer kleinen Ameisenkolonie zuteil, deren einziges Verbrechen es war, sich im sorgsam umhegten Steingarten niederzulassen. Also goss meine Mutter genüsslich etwas Petroglykogenchlorzeug von oben auf sie nieder, das es mir das Herz zerriss. Also schnappte ich mir eine Luftpumpe!!! und versuchte heulend mittels Druckluft das Leben der unschuldigen Kreaturen zu retten. Die müssen wirklich durch die Hölle gegangen sein: Säureschauer mit Orkan.
mimi: Gibt es eine Mentalität der Leute die ein Gartenhaus haben? Und Ausnahmen?
tias: Das ist schwierig. Natürlich haben Menschen eine Mentalität, also haben auch Menschen mit Gartenhäusern eine Mentalität, und Ausnahmen gibt es sowieso immer. Die Frage ist ob ein Gartenhaus, wenn man es besitzt, einen verändert, und ob es einen verändert wenn man drin wohnt. Das Eigentum verändert ist glaube ich klar. Du bist abhängig und auf einmal für irgendwas verantwortlich, oder sei es nur dass du meinst dich für irgendwas verantwortlich zu fühlen, was natürlich kompletter Irrsinn ist (Schicksale von Ameisenkolonien bspw.). Aber ich glaube auch das Leben in einem Gartenhaus kann sich positiv oder negativ auf deine mentale Situation auswirken, vielleicht wirst du ruhiger, ausgeglichener, findest zu dir und deiner Umwelt. Das kann aber nur geschehen, wenn du den Stress der Stadt hinter dir lassen und ein neues intensiveres Leben mit der Natur suchst. Eine durchaus gesunde Einstellung, sich grösstenteils von Dingen zu ernähren, die du selbst grossziehst. Ich kenne einige Menschen die Gartenhäuser haben oder sogar in ihnen Leben. Sie sind nicht besonders anders als der Rest der Menschheit. Einige sind glaube ich schon etwas ausgeglichener. Ist ja auch schön wenn man immer eine grüne Option hat, die man nicht mit den anderen Stadtneurotikern teilen muss. Ich glaube die Mentalitätsverschiebung existiert eher zwischendem Stadt und dem Landvolk.
mimi: hmm, denkst du dass das Bild von der Natur, das die Leute aus der Stadt haben, sehr nah an der Realität des Lebens auf dem Land ist? Zum Beispiel, denke ich dass auf den ersten Blick ein Stadtbewohner der als Anwalt arbeit sehr viel Übereinstimmung mit einem Bauer in einem Dorf hat. Sind die Werte der Stadtbewohner nicht sehr idealistisch? Natur kann der Natur auch grausam und unromantisch sein.
tias: Sicher, einigen Leuten würde ich auch nicht empfehlen aufs Land zu ziehen, anderen täte dies sicherlich gut. Aber ich glaub jeder Städter träumt insgeheim davon auf dem Land zu altern.

mimi: Wie sah das schrägste Gartenhaus aus, das du je gesehen hast?
tias: Nach der Flutkatastrophe diesen Sommer im deutschen Mittelosten habe ich einige schräge Gartenhäuser gesehen. Das tragische an schrägen Gartenhäusern jedoch ist, sie haben keine lange Lebensdauer. Entweder stürzen sie von allein ein, oder deren Besitzer ist zu gerade.
mimi: Siehst du ein Gartenhaus in deiner Zukunft?
tias: Nun, ich stehe dem Gartenhaus grundsätzlich durchaus positiv gegenüber, d.h. ich hege keine niederen Instinkte gegen sie. Ob es jedoch in meiner persöhnlichen Zukunft eine Rolle spielen wird, hängt glaube ich nicht allein davon ab. Ich für meinen Teil würde jedenfalls in den nächsten 20 Jahren keine grösseren Anstrengungen vollziehen ein solches käuflich zu erwerben.

mimi: Vielen Dank für das Interview